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Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus - Ein Schülerprojekt

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Jüdische Friedhöfe in Borken

Entstehung der ersten Friedhöfe - Entstehung des letzten Friedhofs - Instandsetzung der Friedhöfe - Gestaltung und die letzten Bestattungen auf dem Friedhof - Quellen


In Borken kann die Ansiedlung von Juden bereits im 14. Jahrhundert nachgewiesen werden. Diese ersten, in Borken lebenden Juden sind jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit den Pogromen zum Opfer gefallen sein, die im Sommer 1350 im Gefolge der Pest die jüdischen Siedlungen und Gemeinden in Westfalen zerstörten. Erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts konnten sich Juden erneut längerfristig im Fürstenbistum Münster niederlassen. In den Mauern der Stadt Borken lebten vermutlich ab 1530 wieder jüdische Familien. Erst die verbesserte rechtliche und wirtschaftliche Situation, die Juden vom Beginn des 19. Jahrhunderts an zuteil wurde, führte auch in Borken zu einer kontinuierlichen Ansiedlung und zur Bildung einer eigenen Synagogengemeinde mit allen notwendigen Einrichtungen wie Bethaus, Ritualbad und Friedhöfen.
Solange es in den einzelnen Orten, in denen Juden lebten, keine eigenen Friedhöfe gab, brachte man die Toten zu den Begräbnisplätzen der nächstgelegenen jüdischen Gemeinde. Für das Münsterland übernahm während des ganzen Mittelalters bis in die Neuzeit hinein der Friedhof der Kölner Gemeinde immer wieder die Funktion einer zentralen Ruhestätte für die Toten.

Entstehung der ersten Friedhöfe

In Borken konnte die erste Synagoge im Jahre 1819 eingeweiht werden. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Gemeinde bereits über einen eigenen Friedhof. Er lag außerhalb der Stadtmauer an der Aa, unterhalb des Stauwehrs der Mühle. Noch bekannt ist das Gräberfeld, dass sich zwischen Stadtmauer und der Aa befand. Es hat jedoch zuvor schon auf der gegenüberliegenden Seite ein Gräberfeld gegeben. Es entstand um 1675.
Als um 1750 eine weitere Belegung nicht mehr möglich war, erhielt die Borkener Judenschaft das Gelände unterhalb der Stadtmauer als neuen Begräbnisplatz zugewiesen. Der Zugang zu den Gräberfeldern ist bis heute nicht ganz geklärt. Nach der mündlichen Überlieferung konnte der Friedhof unterhalb der Stadtmauer nur durch die Stadtmühle erreicht werden, da diese als Wassermühle naturgemäß unmittelbar an der Aa lag und es dort keinen Uferweg gab. Der Zugang kann allerdings auch über eine kleine Brücke, die vom gegenüberliegenden Ufer, also vom älteren Gräberfeld, auf den neuen Begräbnisplatz führte, erfolgt sein. Diese Brücke findet noch 1877 in einem Vermerk der Verwaltung eine kurze Erwähnung. Das Grundstück links der Aa befand sich nachweisbar seit 1827 im Besitz der jüdischen Gemeinde. Auf der östlichen Seite der Aa lag eine Mühle. Im Jahre 1781 wollte der Betreiber der Mühle, ein N. Brockhoff, dort eine Lohgerberei errichten. Dazu sollte das Gelände des Friedhofs, auf dem seit 30 Jahren nicht mehr bestattet wurde, hinzugezogen werden. Die Judenschaft wandte sich über die Rentmeisterei in Ahaus an die Hofkammer in Münster, also direkt an den Landsherren.
Der Magistrat der Stadt Borken sollte veranlasst werden, die Einrichtung der Lohgerberei zu verhindern.

Die Judenschaft verwies nicht nur auf die rechtliche Situation, wo nach ihr mit einem Dekret vom 28. Juni 1747 die Stadtverwaltung das Recht bestätigt hatte, auf dem Begräbnisplatz weiterhin ihre Toten zu bestatten.
Sie verwies vor allem auf die religiösen Vorschriften, nach denen ein Friedhof und jedes einzelne Grab auf alle Zeiten nicht angetastet werden dürfen. Alles Bauen, Graben und sonstige Störungen sollten verboten werden. Bürgermeister Elbing lehnte das Ansinnen der Judenschaft ab.

Entstehung des letzten Friedhofs

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich die Füllung des zweiten Begräbnisplatzes ab, so dass die Gemeinde sich wiederum nach einem neuen Grundstück umsehen musste. Heute erinnert nur ein Gedenkstein an die zwei älteren Friedhöfe. Der Friedhof blieb bis in die 30er Jahre unberührt bestehen. Wie die Begräbnisstätte am Replingsfunder wurde aber auch er ein Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Zusätzlichen Schaden richteten die Bombardierungen an, die das Areal in Mitleidenschaft zogen.
Die Einrichtung des heute noch bestehenden Friedhofs am Replingsfunder erfolgte 1895. Salomon Windmüller (1816-1902) erwarb zwei Grundstücke von Johann Buschhof und Wilhelm Cohausz.
Für den Kauf und für die Einrichtung einer Begräbnisstätte war die Genehmigung der Regierung Münster erforderlich. Unter Beachtung des Verwaltungsweges reichte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Jonas Herz, den Antrag am 18. April 1895 beim Landratsamt Borken ein. Mit Schreiben vom 26. Juli 1895 erteilte schließlich die Regierung Münster die gewünschte Genehmigung.

Instandsetzung der Friedhöfe

Ein jüdischer Friedhof bedarf nach der religiösen Vorstellung keiner aufwändigen Pflege, so dass sich von 1902-1910 ein jährlich zu zahlender Betrag von 30 Reichsmark findet. Auf dem Friedhof stehen derzeit noch 66 Grabsteine. Der älteste Stein stammt aus dem Jahre 1899. Die letzte Bestattung fand 1968 statt. Da der Friedhof in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 schwer zerstört wurde, kann nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die Grabsteine heute auch auf der zugehörigen Grabstätte stehen.

Nach dem Ende des Krieges wurde zunächst nicht über die Wiederherstellung des Friedhofs debattiert. Stadtdirektor Koch wünschte zwar 1947 die Wiedervorlage der gesamten Angelegenheit bei den Ratssitzungen, doch wurde auf keiner der in diesem Jahr stattgefunden Sitzungenen die Wiederherstellung der jüdischen Friedhöfe behandelt.Erst im Juli 1959 beschloss der Rat der Stadt Borken auf Antrag eines CDU - Ratsmitgliedes, die in der Stadt vorhandenen beiden Friedhöfe am Replingsfunder und Am Kuhm, die sich in einem völlig verwahrlosten Zustand befanden, instand zu setzen und in angemessener Weise zu pflegen.

Der Stadtverordnete Theodor Elling, der den Antrag aus Eigeninitiative eingebracht hatte, machte sich in der Sitzung zu einem engagierten Sprecher der Wiederherstellung der Friedhöfe.Im Frühjahr 1960 scheint die Renovierung der Friedhöfe abgeschlossen zu sein. Einer Steinmetzrechnung über 4.500,00 DM vom März 1960 sind die recht umfangreichen Renovierungsarbeiten zu entnehmen.

Gestaltung und die letzten Bestattungen auf dem Friedhof

Die Steine sind überwiegend aus schwarzem Granit gefertigt und haben meist einen zweiteiligen Aufbau. Auf einem grob behauenem Sockel steht zunächst ein quadratischer Stein, auf diesem befindet sich der hochrechteckige Steinpfeiler mit einer pyramidenförmigen Spitze.

In der Inschrift wird nie der deutsche Name genannt, sondern stets der hebräische. Daran schließt sich das Todes- und Begräbnisdatum an. Die Inschrift endet mit der Segensformel "Ihre/Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens" (Tehi nafscho zenuah bizior hachaijm). In den recht umfangreichen hebräischen Texten finden sich kurze deutsche Inschriften.
Diese beginnen mit "Hier ruht", nennen meist den Namen, das Geburts- und Sterbedatum sowie gelegentlich den Geburts- oder den Sterbeort. Im Gegensatz zu den sehr christlich gestalteten Judenfriedhöfen in Großstädten gibt sich der Borkener Friedhof sehr traditionsbewusst!

In der Nachkriegszeit fanden noch zwei Beerdigungen statt. Sally Landau, der zwar nach seiner Flucht nicht mehr in Borken gewohnt hatte, wurde im Jahre 1959, soweit bekannt, auf seinen Wunsch hier beerdigt. Erich Haas, nach 1945 wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt, fand auf diesem Friedhof im Jahre 1968 seine letzte Ruhestätte. Seither präsentiert sich der Friedhof bis zum Jahre 1994 in unverändertem Zustand. In der Nacht zum 1. November 1994 wurde das Gräberfeld Opfer einer Schändung.

Die dort gefundenen Spuren lassen einen rechtsextremistischen - antisemitischen Hintergrund vermuten. Insgesamt neun Grabsteine wurden umgestoßen und zum Teil schwer beschädigt! Die Stadt Borken ließ die beschädigten Grabmale umgehend wiederherstellen. Einige Tage später, am 09. November, versammelten sich rund 120 Borkener Bürger zu einer Mahnwache und Gedenkveranstaltung am Friedhof.

 

Gedächtnisfeier

Quellen:

- Ridder, Thomas: Die jüdischen Friedhöfe in Borken. In: Westmünsterland. Jahrbuch des Kreises Borken. Bocholt 2002. S. 127-136.
- Interviews mit Erika und Carla Pick
- Interviews mit Adolf und Annelise König
- Fotoarchiv der Geschwister Pick

Bearbeitet von Max Rickert und Joshua Schick