zurück zum Anfang
Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus - Ein Schülerprojekt

Zur Lage Borkens und Einführung in seine jüdische Geschichte
 

Zu den Biographien

 
Zur Projektbeschreibung
 
Zum Arbeitskreis jüdisches Leben
 
Literatur / Links / Glossar
 
Kontakt / Impressum
 

 

Dr. Herbert Jonas

Eltern - Bruder - Jugend - Flucht und Auswanderung - Kriegszeit - Ausbildung und Familiengründung - Kontakte zu Borken - Nachrufe auf Herbert Jonas - Quellen


Herbert Jonas wurde am 9. Januar 1925 in Borken geboren, er starb am 11.07.2005 in St. Louis Park, USA.

Eltern

Sein Vater Leo Jonas wurde am 13. Mai 1889 in Borken geboren. Er ging 1914 in den Krieg, wo er auch an der russischen Front mit gekämpft hatte. Für seinen Einsatz bekam er das Verwundetenabzeichen und das Eiserne Kreuz. Nach dem Krieg führte Leo Jonas die Metzgerei seines Vaters auf der Brinkstraße weiter. Am 30. Januar 1924 heiratete er Hedwig Gans auch genannt "Hete". Sie wurde am 29.08.1897 geboren und war eines der zehn Kinder von Carl und Amalie Gans. Er schloss seine Metzgerei und eröffnete mit Leo Hahn und Moritz Hertz ein Tuchwarengeschäft. Nachher führte er das Geschäft allein bis zur "Reichskristallnacht" 1938.

Bruder

Herberts Bruder hieß Karl Richard und ist am 7. Februar 1928 geboren. Seit seiner Einwanderung in Israel nennt er sich Gershon. Er lebt heute mit seiner Familie in Israel.

Jugend

Das Haus, in dem Familie Jonas wohnte, stand an der Bocholter Straße 35. Herberts Vetter Theo Gans war nur wenige Monate jünger und wohnte ebenfalls in der Bocholter Straße. So wuchsen beide gemeinsam auf und wurden Spielgefährten, bis sie durch die politischen Ereignisse getrennt wurden. Herbert ging in die jüdische Volksschule und wurde von Lehrer Locker unterrichtet. Danach besuchte er das Borkener Gymnasium. Am Anfang des Jahres 1938 wurde er von der Schule verwiesen, und die Eltern schickten ihn im August oder September nach Köln auf die Yavane (eine jüdische Schule).

Flucht und Auswanderung

Aufgrund der Geschehnisse vom 9. November 1938 (Reichkristallnacht) schickte seine dortige Gastfamilie ihn nach Hause. Dort hörte er, dass sein Vater im Gefängnis sei und sein Bruder Richard mit seinem Vetter Theo im Dachzimmer zusammen waren. Das Gefängnis stand an der Raesfelder Straße, wo die Familie dann hinging, um dem Vater Wäsche und Kleidung zu bringen. Dabei erfuhren sie, dass er gut behandelt wurde. Mit der Hilfe ihres Onkels Moritz Gans und Mitarbeitern der Behörde wurden Leo Jonas und 12 andere jüdische Gefangene am 17. November statt ins Konzentrationslager Dachau geschickt zu werden nach Holland ausgewiesen. Dort wurden sie vom Vetter Karl de Leeuw abgeholt.

Herbert Jonas, sein Bruder Karl und sein Vetter Theo wurden von Moritz Gans über Oeding, Kotten (NL) nach Aalten (NL) gebracht, wo sie einige Tage bei Tante Bertha de Leeuw wohnten. Dann wurden er und sein Bruder bei der Familie Salomon de Haas einquartiert. Sie wurden in der Schule in Aalten aufgenommen, und so lernten sie auch Holländisch. Sie mussten sich jeden Morgen und Nachmittag bei der Polizei melden. Mitte Dezember 1938 wurden sie in das Kinderflüchtlingslager Sonsbeek (NL) aufgenommen.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft (1989). S. 57.

Leo Jonas

Quelle: Projektgruppe der Nünning-Realschule (Hrsg.)(2000)

"Hete" Jonas

Leo Jonas, der Vater von Herbert, war in Reower bei Venlo interniert. Die Mutter wohnte weiter in Borken, bis ihr im April 1939 gesagt wurde, dass sie Borken verlassen sollte. Sie durfte nicht nach Arnheim ziehen, sondern sie musste sich bei der Gemeinde in Oostzaan in Amsterdam einschreiben. Ende Februar 1940 kam für alle ein Visum zur Auswanderung nach Amerika. Seine Eltern, sein Bruder und Herbert schafften es, auf dem Schiff "Westernland" nach Amerika auszuwandern, kurz bevor die deutschen Truppen in die Niederlande einmarschierten. Für ihren Unterhalt in der ersten Zeit in Amerika verkaufte Leo Bürsten von Haus zu Haus, seine Frau Hedwig ging putzen, und Herbert verkaufte Glühbirnen.


Kriegszeit

1943 kam Herbert als 18-jähriger amerikanischer Soldat nach Europa zurück. Im Juni 1944 nahm er teil an der Invasion in Italien, im August in Frankreich und ab dem 24. September in Holland in der Nähe von Nymwegen. Am 16. Dezember ging er mit seiner Abteilung nach Belgien und am 24. März 1945 mit dem Segelflugzeug (17. Luftlandedivision) über den Rhein bei Wesel. Herbert war wie andere ehemals deutsche Juden stolz, dass es ihm als amerikanischer Soldat vergönnt war, die Nationalsozialisten und ihre Ideologie in die Knie zu zwingen. Am 23. Mai 1945 war Herbert Jonas für kurze Zeit in Borken. Er wurde wiedererkannt und erfuhr, dass einige seiner Nachbarn und Spielkameraden im Krieg gefallen waren. Er war entsetzt, fast die ganze Stadt in Schutt und Asche zu sehen.

Ausbildung und Familiengründung

1946 kehrte Herbert nach Amerika zurück und begann ein tierärztliches Studium. Er studierte an der Brandeis Universität und dann an der Universität in Ames (Iowa USA). Bei seinem Auslandsstudium in Zürich lernte er seine spätere Frau Miriam geb. Lachs (geb.:1. November 1924) kennen, die nach ihrer Jugend in Palästina zum Studium nach Europa gekommen war. Nach seinem Staatsexamen und der Doktorprüfung war Herbert zuerst Assistent. Am 15. September 1949 heirateten Herbert und Miriam, und 1950 bekamen sie ihr erstes Kind, ihre Tochter bekam den Namen Edna. Danach folgten noch drei Kinder Deborah, Leonhard und Fay. Dann zog die Familie 1953 nach Illinois, wo Herbert eine Praxis eröffnete, später hatte er eine Kleintierpraxis in Missouri, 1955 eröffnete er sein eigenes Tierhospital in Fort Dodge, das er bis 1990 führte. Ab 1988 leitete er eine Forschungsabteilung einer pharmazeutischen Firma, die Medikamente für Klein- und Großtiere herstellte.

Heute leben Dr. Herbert Jonas und seine Frau Miriam in St. Louis Park, Minneapolis (USA).

Kontakte zu Borken

Dr. Herbert Jonas kam wie 34 andere Juden 1988 aufgrund der Einladung ihrer Geburtsstadt Borken zum ersten Mal nach Kriegsende wieder hier her. In seiner Rede, die er damals vor den Schülern im Remiganum hielt, sagte er unter anderem:
"Ich danke Ihnen für die Einladung an die Überlebenden der Naziepoche. Es war nicht leicht hier her zu kommen, nach allem was geschehen war und was wir mitgemacht haben.
Als jüdischer Junge ... redete ich mir [damals] ein, dass die Worte des Propheten Micha, dass wir doch alle Kinder desselben Vaters wären, dass Gott alle Menschen gleichartig erschuf, dass diese Worte für uns alle gültig wären...
Mit Hilfe der Erinnerungen an die Vergangenheit müssen und können wir für eine bessere Zukunft für alle Menschen arbeiten..."
Herr Dr. Jonas kommt seit damals fast jedes Jahr nach Borken, um in den Schulen seine Erfahrungen und Erinnerungen den Schülern zu vermitteln, damit diese ihre Verantwortung für die Zukunft erkennen.

Nachtrag: Nach Beendigung der Projektarbeit starb Dr. Herbert Jonas am 11.07.2005 in St. Louis Park, USA.

Nachrufe auf Herbert Jonas (BZ 13.07.05): (durch Draufklicken erscheint die jeweilige Anzeige im großen Format)

 

Quellen:

  • Arbeitsgemeinschaft "Jüdisches Leben in Borken und Gemen" (Hrsg.): Leben und Schicksal der Juden in Borken, Eine Dokumentation aus Anlaß der Ausstellung im Stadtmuseum Borken vom 9. bis zum 27. November 1989. Borken 1989
  • Projektgruppe der Nünning-Realschule (Hrsg.): Theo Kaddar - ein Jude aus Borken. Borken 2000
  • Oenning/Schöneberg, Mechtild: Ausgewählte private Korrespondenzen
  • Oenning, Mechtild: Aus der Geschichte unserer Stadt, Borken und die katholische Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus, Heft 3. Borken 1988
  • Oenning, Mechtild: Borken - Gemen - Weseke - "Es geht jetzt los...", in: Bierhaus, August (Hrsg.): "Es ist nicht leicht darüber zu sprechen" - Der Novemberpogrom 1938 im Kreis Borken, Schriftenreihe des Kreises Borken, Heft IX. Borken 1988
  • Stadtarchiv Borken i.W (Hrsg.): Einwohnerbuch der Stadt Borken und des Kreises Bocholt 1929 In: Bücherverzeichnis Nr. 26, S.18.
  • Borkener Zeitung: Zeitungsartikel
  • Email-Kontakte zwischen Dr. Herbert Jonas und der Projektgruppe

Bearbeitet von: Frank Schwane, Hendrik Gesing, Johannes Hüging