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Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus - Ein Schülerprojekt

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Lage Borkens und Einführung in seine jüdische Geschichte






Die Stadt Borken liegt im Westen Deutschlands in Nordrhein Westfalen.


Karte Kreis Borken


Borken ist die Kreisstadt vom Kreis Borken mit etwa 28.000 Einwohnern und liegt an der Grenze zu den Niederlanden.



Allgemeiner Überblick über das Jüdische Leben in Borken

Im 19. Jahrhundert änderte sich das Leben der allgemeinen Bevölkerung im gesamten Deutschen Reich. Die Befreiung von feudalen Zwängen führte zu bürgerlichen Rechten. Juden hatten noch nicht die Gleichberechtigung mit den andersgläubigen Bürgern, dennoch kann man auch bei den Juden einen Zuwachs an Rechten feststellen. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Aufhebung der Zunftordnung, die besagte, dass Juden keiner Zunft angehören und damit praktisch keine Handwerksberuf ausüben konnten. Die Aufhebung der Zunftordnung bedeutete, dass Juden mehr Berufe ergreifen konnten und mehr Erwerbs- und Arbeitsmöglichkeiten hatten.

Auch Borken und Gemen wurden von diesen Änderungen betroffen, aber hier änderten sich die Lebensumstände der gesamten Bevölkerung viel langsamer als im Reich, die Verbesserung der Lebensumstände für Juden setzte erst mit Verzögerung ein. 

Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Juden auf dem Land emanzipierten.

Das lag daran, dass insgesamt  in Westfalen kaum liberale und fortschrittliche Juden lebten, die der Elite angehörten.  Die hier lebenden Juden  waren einfach und konservativ. Sie  wollten zum Teil gar nicht an dem städtischen Leben in Borken teilhaben.  Es war ihnen wichtig, ihre Traditionen und ursprüngliche Lebensweise zu bewahren. Aus diesem Grunde gründeten sie zum Beispiel im Jahre 1896 den „Verein zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in der Provinz Westfalen“[1].

Zu dieser Zeit war Jonas Haas Ortsvorsteher der jüdischen Gemeinde in Borken und Oskar Löwenstein Vorsteher der Gemener Gemeinde. Sie setzten sich intensiv für diesen neuen Verein ein. Beide Ortsvorsteher konnten vor Ort die Interessen der Juden an Traditionen in eigenen Gotteshäusern vertreten. 

In Borken wurde die Synagoge schon 1819 eingeweiht[2]. Das weist auf eine starke Gemeinde hin, denn diese Gründung liegt noch 30 Jahre vor den Emanzipationsrechten in Westfalen 1847. Die Synagoge  stand am Nonnenplatz, in der Nähe des heutigen Vincenzhauses und war Teil eines alten Klosters. Dieses Kloster wurde nicht mehr von den Katholiken genutzt.

Die Gemener Synagoge wurde erst viel später eingeweiht, nämlich 1912. Sie befand sich an der Ahauser Straße und war ein Neubau. An ihrer Stelle befindet sich heute eine Tankstelle.  Da diese beiden jüdischen Gemeinden räumlich so eng beieinander lagen, betrachteten sie sich als Konkurrenten. So war z. B. die Borkener Gemeinde von 1930-34 Sitz eines Rabbinates, was den Gemenern natürlich missfiel. Sie waren nämlich stolz darauf, dass in Gemen die Juden eher dokumentiert waren als in Borken. [3]

 Zahlenmäßig war die Borkener Gemeinde zwar größer, doch sie konnte nicht so viel Einfluss nehmen, da ihre Mitglieder nur ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Zur Gemener Gemeinde gehörten zwar nicht so viel Personen, doch ihr Anteil an der Bevölkerung betrug im kleineren Gemen 5 – 7 % , so dass sie mehr Gewicht hatten.[4]

Die meisten Gemeindemitglieder aus Borken und Gemen waren Kauf- oder Geschäftsleute wie die Familien Heymans, Löwenstein und auch Haas. Sie stellten erfolgreich Holzfurniere her, sowohl in Borken als auch in den Zweigstellen in Paris und Hamburg. Die Furniere der Firma Haas standen für sehr hohe Qualität[5]. Es gab auch einige Viehhändler so zum Beispiel  die Familien Frenkel und Schwarz. Die jüdischen Händler nahmen auch regelmäßig an dem allgemeinen Rindviehmarkt teil. Dieser Markt fand auf dem Holzplatz statt. Das ist der heutige Parkplatz, der vor der Feuerwehr und in der Nähe des Friedhofs liegt[6].

Die genannten Berufe waren typisch für jüdische Bürger im Münsterland, denn durch die vielen Beschränkungen, die für Juden im Mittelalter galten, hatten sie nicht so viele Möglichkeiten der Berufswahl.

Die Kinder der Gemeindemitglieder gingen in die jüdische Schule. Diese Schule war klein und es gab nur eine Klasse, in der Kinder verschiedenen Alters- und Lernniveaus zusammen unterrichtet  wurden. Bis 1917 war einer der Lehrer Levi Cohen, der die Kinder auch in Hebräisch unterrichtete. Sein Nachfolger war J. Locker.[7] Dieser Lehrer war sehr zionistisch eingestellt. Die zionistische Bewegung ermutigte junge Juden handwerkliche Berufe zu erlernen, denn ihr Ziel war es, einen jüdischen Staat zu gründen . Dazu brauchte man auch Handwerker und nicht nur Wissenschaftler und Kaufleute.  Aus der Sicht der Zionisten gab es von diesen Berufen in den jüdischen Gesellschaftsgruppen genug. Auch Lehrer Locker konnte einige seiner Schüler dazu bewegen, handwerkliche Berufe zu ergreifen. So entschied sich auch Albert Heymans, Helgas Bruder, nach seiner Schulaus-bildung dazu, Elektriker zu werden.[8] 

Die weiterführenden Schulen waren damals für Jungen und Mädchen getrennt und so besuchte Helgas Schwester Ilse Heymans die „Höhere Töchterschule“, eine Schule nur für Mädchen[9]. Die Jungen, die eine weiterführende Schule besuchen wollten, gingen auf die Rektoratsschule, aus der 1929 das Gymnasium entstand. 1933 machte Carl-Heinz Gans dort als einziger Jude sein Abitur[10]. Die anderen jüdischen Schüler mussten das Gymnasium 1938 verlassen und konnten keinen Abschluss machen.

Die Schulen waren bis dahin für alle Religionen offen. Dies zeigt, dass das Verhältnis der verschieden Religionen untereinander unbelastet war[11]. Der Großteil der Bevölkerung war katholisch (93,2%). Der jüdische Anteil an der Borkener Bevölkerung betrug nur 0,9%[12]. Einige Quellen weisen darauf hin, dass man sich mit gegenseitigen Respekt behandelte. So wurde 1912 der neue Dechant der St. Remigius Gemeinde,  beim Antreten seines Amtes, von der jüdischen Gemeinde, durch eine Zeitungsanzeige begrüßt. Als 1930 der Rabbiner Dr. Köhler sein Amt in dem neu eingerichteten Bezirksrabbinat antrat, hielt auch der Dechant Sievert eine Ansprache zu Ehren des Rabbiners. Dadurch wurde die Freundschaft zwischen den beiden Gemeinden gefestigt und gefördert[13]. Diese Freundschaft beschränkte sich nicht nur auf offizielle Ereignisse, auch in den Nachbarschaften wurde sie deutlich. Die jüdische Bevölkerung war integriert in den Nachbarschaftsvereinen, und die jüdischen Kinder nahmen an den volkstümlichen Veranstaltungen und Bräuchen teil,  z.B. beim gemeinsamen Singen und Spielen unter der Maitremse[14]. In den Nachbarschaften war gegenseitige Hilfe normal. So versorgten nichtjüdische Frauen am Sabbat den Haushalt bei ihren jüdischen Nachbarn. Doch manche religiöse christliche  Bräuche trennten Juden von der restlichen Nachbarschaft. Bei einem Todesfall in der Nachbarschaft nahmen sie nicht an dem Totengebet teil und betätigten sich auch nicht als Sargträger[15]. 

Doch insgesamt war die jüdische Bevölkerung vor 1933 gut in der Borkener Öffentlichkeit vertreten und auch akzeptiert.

Durch die Emanzipationsbewegung der Juden hatte sich im ersten Weltkrieg eine Vaterlandsliebe entwickelt, die sich dann auch langsam auf dem Land bemerkbar gemacht hat. Immer mehr jüdische Bürger wurden Mitglieder in Vereinen und Klubs und bekleideten in der Weimarer Republik hohe politische Ämter. Alle diese Faktoren verstärkten bei ihnen das Gefühl der Dazugehörigkeit.

Diese positive Entwicklung nahm 1933 mit Beginn der Machtübernahme von Hitler und seiner Partei der NSDAP ein  Ende. [16]

Schon bei den Wahlen am 6. November 1932 hatten die Nationalsozialisten versucht, die Borkener Bevölkerung einzuschüchtern. Die Mitglieder der Nazi-Partei liefen in Uniformen und Hakenkreuzbinden über die Straßen. Sie hatten auch ein Messer am Gürtel und manchmal sogar einen Gummiknüppel. Trotz dieses Bildes von Gewalt, erkannte man in Borken nicht die wahren Ziele der Nazis. Viele Einwohner dachten nur an die wirtschaftlichen Versprechen, die Hitler gegeben hatte und „...unterschätzten die politische „Kultur“ der Nationalsozialisten, so wie Hitler sie in Mein Kampf beschrieben hat“[17].

Das Erkennen des Schreckens kam erst später nach Borken. Als die Nazis ihre Jugendvereine bildeten, dachten Mitglieder der orthodox-zionistischen Jugendbewegung noch an eine Art der Zusammenarbeit. Vor 1935 und dem Erlass der Nürnberger Gesetze war die Situation der Juden nicht wirklich bedrohlich. Auch danach hatten einige Borkener Bürger noch Kontakt zu der jüdischen Bevölkerung. Die Juden versuchten sich den neuen Bedingung anzupassen.

Nach der Pogromnacht im November 1938 konnte niemand mehr, weder Juden noch Andersgläubige die Augen zu machen vor den Zielen der Nazis.

In Borken gab es für die Übergriffe auf die Juden zu wenig aktive Nazis, die mitmachen wollten. Also musste man sich Verstärkung aus anderen Gemeinden holen. Zuerst richteten diese Gruppen ihren Hass gegen Privathäuser, prügelten wahllos auf Juden ein und verhafteten sie. Sie schlugen auch Schaufenster ein und plünderten Geschäfte. Später zogen sie zur Synagoge. Diese wurde ebenso wie die dazugehörende Schule angezündet. Thorarollen und andere Ritualgegenstände wurden zusammen mit Schulbüchern auf einem großen Haufen verbrannt.  Die Reaktionen der Borkener Bevölkerung war unterschiedlich. Die meistens schauten weg,  oft aus Angst  vor den Nazis, die so mit ihren Einschüchterungen Erfolg hatten. Einige wenige Mitbürger kümmerten sich um jüdische Nachbarn und Bekannte.[18]  

Nach diesen Erlebnissen verließen viele  jüdische Borkener Bürger die Stadt. Einige emigrierten in die USA  oder England. Die Familie Heymans, deren Mitglieder niederländische Staatsbürger waren, versteckten sich wie viele andere in Holland, was aber nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland nicht sicher war.

Quellen- und Literaturverzeichnis      

Private Auskünfte:

  • Mechtild Schöneberg, Dülmener Weg, Borken

Literatur:

  • Bierhaus, August , Hrsg.(1988):„Es ist nicht leicht darüber zu sprechen“ (Rehms-Druck), Borken  
  • Heymans, Albert (2003): Ein Jude ohne Stern, (Achterland Verlags Compagnie), Vreden
  • Oenning, Mechtild (1988): Borken und die katholische Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus; Aus der Geschichte          unserer Stadt, Heft 3 (ohne Verlag), Borken
  • Oenning, Mechtild / Pick, Carla / Pick, Erika / Ridder, Thomas / Wolters-Höyng, Maria (1989): Leben und Schicksal der Juden in Borken, (Rehms-Druck), Borken 

 

Auszüge aus einer Facharbeit im Grundkurs Geschichte am Gymnasium Remigianum, Schuljahr 2003/04, Verfasserin: Kirsten Remmen, Thema der Arbeit: Jüdische Bürger in Borken und das Leben und Schicksal von Helga Heymans


Anmerkungen

  • [1]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989) Leben und Schicksal der   Juden in Borken , (Rehms – Druck GmbH), Borken, Seite 26 
  • [2]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989), a.a.O., Seite 28
  • [3]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989), a.a.O., Seite 26 
  • [4]Oenning, Mechthild (1988)“Es geht jetzt los...”, Ereignisse in der Pogromnacht in Borken, Gemen          und Weseke in: August Bierhaus (Hrsg.), „Es ist nicht leicht darüber zu sprechen“, (Rehms-Druck), Kreis Borken, Seite 63
  • [5]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989), a.a.O., Seite 46
  • [6]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989), a.a.O., Seite 45
  • [7]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989), a.a.O., Seite 48 
  • [8]Heymans, Albert (2003), Ein Jude ohne Stern, ( Achterland Verlags Compagnie), Vreden, Seite 24
  • [9]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989), a.a.O., Seite 49/50
  • [10]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989), a.a.O., Seite 53
  • [11]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989),a.a.O., Seite 30 
  • [12]Oenning, Mechthild, (1988), a.a.O., Seite 11
  • [13]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989),a.a.O., Seite 30/31
  • [14]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989),a.a.O., Seite 60
  • [15]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989),a.a.O., Seite 58
  • [16]Oenning, M.; Pick, C.; Pick, E.; Ridder, T.; Wolters-Höyng, M.; (1989),a.a.O., Seite 26
  • [17]Heymans, Albert (2003),a.a.O., Seite 21
  • [18]Oenning, Mechthild (1988), in: August Bierhaus (Hrsg.), a.a.O., Seite 68 / 69