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Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus - Ein Schülerprojekt

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Lehrer Locker und die jüdische Schule

Familie Locker - Die jüd. Schule - Das Ende der Schule - Quellen - Das Haus der Familie Locker


Familie Locker

Angaben aus dem Melderegister der Stadt Borken

Bezabel Locker:

  • Geboren am 25.6.1906 in Solotwina
  • Zugezogen nach Borken (Butenwall 21) 1930
  • Weggezogen nach Holland am 24.06.1939

Gustel Locker, geb. Stern (Ehefrau)

  • geboren am 10.1.1907 in Wedzirz-Stry
  • Laut Melderegister vom 27.10. 1930 bis zum 5.12.1930 kurzzeitig nach Dortmund verzogen (siehe Angaben zur Geburt der Tochter)
  • Weggezogen nach Arnheim / Holland am 24.06.1939

Ingeborg Locker (Tochter)

  • Geboren am 10.11.1930 in Dortmund
  • Weggezogen nach Arnheim / Holland am 24.06.1939

Jehuda Locker (Sohn)

  • Geboren 26. 09.1936 in Borken
  • Weggezogen nach Arnheim / Holland am 24.06.1939

Lehrer Locker und die jüdische Schule

Quelle: Arbeitsgemeinschaft (1989) S. 48.

Lehrer Locker im Kreise seiner Schüler

Lehrer Locker war Lehrer in der jüdischen Volksschule in Borken. Er war ein geschickter, vielseitiger Pädagoge. In den damaligen Volksschulen unterrichteten die Lehrer den kompletten Lehrplan, von Heimatkunde, Rechnen bis zu Musik, deshalb hing auch viel von der Persönlichkeit des Lehrers ab.
In einem Klassenraum wurden meistens 15 oder mehr Schüler aus der ersten bis achten Klassenstufe unterrichtet. Lehrer Locker fing 1930 an der Volksschule in Borken an. Er unterrichtete die 1.- 5. Klasse, in der damals 4 Jungen und 6 Mädchen waren.
In der jüdischen Schule wurden oft Lieder gesungen, die meist einen religiösen Hintergrund hatten. Dabei war der Lehrer immer der Vorsänger.

Außerdem standen auf dem Lehrplan der jüdischen Schulen:
-Vorlesen aus der heiligen Schrift
-Erlernen der hebräischen Schrift.

Da die jüdische Schule zu dieser Zeit ganz auf sich allein gestellt war, mussten die Eltern den Lehrer durch ein Schulgeld bezahlen und auch für anfallende Reparaturen selbst aufkommen.
Eltern bestimmten, wie lange ihr Kind zur Schule gehen sollte, was meistens bis 13 Jahre der Fall war, da die Jungen danach meistens schon anfangen mussten zu Hause im Beruf des Vaters tätig zu werden.
Die Kinder der jüdischen Familien Gans und Jonas, deren Lebensweg unsere Klasse genauer betrachtet hat, besuchten nach der 4. Klasse der jüdischen Schule (was unserer Grundschulzeit entspricht) eine sog. höhere Schule, die Rektoratschule (das spätere Gymnasium) oder die Töchterschule. Diese Schüler, die zu einer nicht-jüdischen Schule gingen, trafen sich einmal in der Woche nachmittags zum Religionsunterricht, wobei auch das Hebräische eine große Rolle spielte.

Von früher kennt man noch den Spruch: "Das geht hier zu wie in einer Judenschule". Dies hat den Ursprung, dass die jüdischen Klassen meist sehr laut und lebhaft waren, doch gleichzeitig galten diese Schüler aber auch als sehr gut erzogen und hilfsbereit. Eine andere Erklärung für diesen Ausspruch weist auf die Bedeutung "Schul" für Synagoge hin, in der es im Gegensatz zur christlichen Kirche bei Beratungen zeitweise auch laut zugehen kann.
Bei den jüdischen Kindern wurde von den Eltern auch sehr darauf geachtet, dass sie sich an die Feiertage hielten. So war es üblich, sich am jüdischen Samstag, dem Sabbat feierlich zu kleiden und die Synagoge zu besuchen. An den Feiertagen bekam man Süßigkeiten von den Eltern als kleine Festtagsfreude. Mit 13 Jahren waren die jüdischen Kinder religiös erwachsen, und die Jungen feierten somit die Bar Mitzwa.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft (1989) S. 111.

Inge Gitler-Locker und Tochter Vered zu Besuch bei Clara Pottgießer (Mitte)


Das Ende der jüdischen Schule in Borken

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in der Pogromnacht in ganz Deutschland die Synagogen angezündet, so auch in Borken und Gemen. Die jüdische Schule in Borken war ein relativ kleines Gebäude neben der Synagoge am Nonnenplatz in einem Teil des früheren Klosters Marienbrink. Der Brand, bei dem unter anderem Ritualgegenstände wie Thora-Rollen, Thora-Schmuck, Thorawimpel und auch Schulbücher auf einen großen Haufen zusammengeworfen und dann angesteckt wurden, wurde anschließend gelöscht, da sonst Brandgefahr für die nahe angrenzenden Häuser bestand.
Uns ist nicht bekannt, ob Lehrer Locker nach dieser Nacht in den folgenden Monaten vor seiner Auswanderung in die Niederlande jüdische Kinder noch unterrichtet hat. Eine Reihe dieser Kinder wurde kurz nach der Pogromnacht heimlich in die Niederlande gebracht.
Offiziell wurden jüdische Schulen 1943 allgemein geschlossen.


Quellen

  • Arbeitsgemeinschaft "Jüdisches Leben in Borken und Gemen" (Hrsg.): Leben und Schicksal der Juden in Borken, Eine Dokumentation aus Anlaß der Ausstellung im Stadtmuseum Borken vom 9. bis zum 27. November 1989. Borken 1989
  • Heymann, Albert: Ein Jude ohne Stern. Vreden 2003
  • Projektgruppe der Nünning-Realschule (Hrsg.): Theo Kaddar - ein Jude aus Borken, Borken 2000
  • Oenning/Schöneberg, Mechtild: Ausgewählte private Korrespondenzen
  • Oenning, Mechtild: Aus der Geschichte unserer Stadt, Borken und die katholische Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus, Heft 3. Borken 1988
  • Oenning, Mechtild: Borken - Gemen - Weseke - "Es geht jetzt los...", in: Bierhaus, August (Hrsg.): "Es ist nicht leicht darüber zu sprechen" - Der Novemberpogrom 1938 im Kreis Borken, Schriftenreihe des Kreises Borken, Heft IX. Borken 1988
  • Stadtarchiv Borken i.W (Hrsg.): Einwohnerbuch der Stadt Borken und des Kreises Bocholt 1929 In: Bücherverzeichnis Nr. 26, S.18
  • Friedrich, Adalbert: Die jüdische Gemeinde von Raesfeld, 2. Auflage Raesfeld 1988
  • Koormann, Rudolf: Erinnerung an Marienbrink, Heimatverein Borken 2003
  • Pick, Carla und Erika: Private Aufzeichnungen

Bearbeitet von: Julian Droste, Theresa Gabert, Jürgen Lehmbrock

Zum Haus der Familie Locker:

Quelle: selbst erstellt

Das Haus in dem eine Familie Locker lebte steht an der Bocholterstraße 11. In der Bocholterstraße 11 lebt heute eine Familie Kampmann, der Besitzer des Hauses erzählte uns das er nichts über eine Familie Locker weiß, er wohnt dort seit 1952, vor ihm gehörte das Haus einer Frau von Essen. Er erzählte auch noch, dass das Haus von der Firma Schweers 1900 gebaut wurde und es das älteste Haus auf der Bocholterstraße ist. Er kann sich gut vorstellen das dort schon einmal Juden gewohnt haben.

Quelle: selbst erstelltQuelle: selbst erstellt

Quelle:

  • Stadtarchiv
  • Informationen über die Bocholterstraße 11 von Herrn Kampmann ( 21.04.2005)
  • Fotos von Lisa-Marie Kömmelt, Franziska Reindl, Carina Huvers aufgenommen am 21.04.2005.

bearbeitet von: Carina Huvers, Franziska Reindl, Lisa-Marie Kömmelt