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Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus - Ein Schülerprojekt

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Dr. Max Köhler

Von Kassel nach Borken - Als Rabbiner in Borken - Als Rabbiner in Schweinfurt - 1938 - 1987 - Quellen


Von Kassel nach Borken

Dr. Max Köhler wurde am 15.05.1899 in Kassel geboren. Seine Eltern waren orthodoxe Juden. In Kassel kümmerte sich der als "links" geltende Rabbiner Dr. Doctor sehr um Max Köhler, doch starb Dr. Doctor bereits in Köhlers jungen Jahren. Nach dem Tod von Rabbiner Dr. Doktor wurde Dr. Löwenstein zur bestimmenden Person in Köhlers Leben. Dieser wurde als "rechts" bezeichnet, was Max Köhler prägen sollte - er ging zum Studium ans orthodoxe Rabbinerseminar in Berlin.

Seine Eltern konnten ihn dabei finanziell nicht unterstützen - die Inflation bewirkte eine schlechte wirtschaftliche Stellung der Köhlers. Deshalb musste sich Max sein Geld fürs Studium und seine Wohnung selbst verdienen, wozu er Unterricht privat und in Schulen gab. Auch predigte er in der Großgemeinde - mit Billigung des orthodoxen Seminars. In Berlin war er aktives Mitglied der Jugendbewegung des Esra und Mitglied des Bundes jüdischer Akademiker. Im Jahre 1921 wurde er stellvertretender Rabbiner. Max Köhler promovierte bei Professor Doktor Rudolf Häpke über die Wirtschaftsgeschichte der Juden.

1929 bekam er in Frankfurt (wohin er zuvor gezogen war) seine Smiche (Autorisation als Rabbiner). Er arbeitete dort als Religionslehrer an der Talmud-Taure in Hermesweg und an der Religionsschule. Seine Schüler waren vor allem Ostjuden. Mit seiner beruflichen Stellung in Frankfurt war Max Köhler sehr zufrieden, doch die Gesamtsituation verabscheute er, da es Streitigkeiten zwischen der Großgemeinde und der Talmud-Taure gab. Aus diesem Grund verließ er Frankfurt und zog nach Borken, wo der Rabbinersitz lange vakant gewesen war - die Aufgaben des Rabbiners waren dort lange von einem Lehrer übernommen worden. Als dieser aus dem Dienst geschieden war, wollten Teile der jüdischen Gemeinde einen Rabbiner, andere wieder einen Lehrer für die Aufgaben des Rabbines. Nach einer "Probepredigt" erhielt Max Köhler die Anstellung als Rabbiner. Nach Borken kam Max Köhler als "unverheirateter, schöner junger Mann" (Marga Carlebach, 1995), dessen Ankunft mit einem festlichen Umzug vom Bahnhof zur Synagoge (Albert Heymans, 1995) regelrecht zelebriert wurde.

Als Rabbiner in Borken

Dr. Max Köhler war vom 16.01.1930 bis zum 02.05.1934 als Rabbiner in Borken tätig. Mit seiner Familie bewohnte er in der Mühlenstraße ein Haus (s. u.), das aufgrund seiner Arkaden noch heute allgemein bekannt ist.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft (1989). S. 31.
Quelle: Heimatverein Borken (2002) S. 172.

Zu dieser Zeit war Borken ein Bezirksrabbinat mit 16 Untergemeinden, die auch zum Wirkungsbereich des Borkener Rabbiners gehörten. Die eigentliche Gemeinde Borken umfasste 1932 ca. 100 Mitglieder, ihr Vorsitzender war Jonas Haas (sein Stellvertreter war Leo Haas). Familie Haas war aufgrund ihres Furnierbetriebs für 87 % des Gemeindeetats verantwortlich.

Als ein Problem in der Gemeinde lässt sich Fritz Frenkel erachten, der sich wohl (nach dem Bericht Köhler´s zu urteilen) gerne gegen Mitglieder der Gemeinde stellte. Auch Köhler und Frenkel verstanden sich nicht, u. a. wurde Fritz Frenkel nachgesagt, Geld der Gemeinde unterschlagen zu haben, welches er für die Gemeinde in die Niederlande bringen sollte. Schließlich gingen sich Max Köhler und Fritz Frenkel aus dem Weg - wenn der Rabbiner predigte, verließ Frenkel die Synagoge.

Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, wurde es auch in Borken für viele Juden gefährlich. In der Synagoge war ein Mann der Gestapo zugegen, doch die Gemeinde wusste dies und verhielt sich entsprechend - beispielsweise in der Hinsicht, dass Max Köhler durch ein bestimmtes Zeichen gewarnt wurde um sich entsprechend verhalten zu können.

1934 hielt Dr. Max Köhler seine letzte Rede im Rabbinat Borken - in der Synagoge Gemen. Danach ging er nach Schweinfurt, wo er Nachfolger von Dr. Salomon Stein wurde. Bereits der Urgroßvater von Max Köhler war dort Rabbiner gewesen. 0

Quelle: Arbeitsgemeinschaft (1989). S. 28. Quelle: Arbeitsgemeinschaft (1989). S. 29.

Die Synagoge in Borken am Nonnenplatz, eingeweiht 1818.

Rechts: Der Innenraum der Synagoge 1918, festlich geschmückt anlässlich der 100-Jahr Feier

Als Rabbiner in Schweinfurt

Nach dem Wegzug Dr. Köhlers wurde das Bezirksrabbinat wieder nach Recklinghausen verlegt, wo es früher bereits seinen Sitz hatte. Die jüdische Gemeinde Borkens unter dem Vorsitz von Jonas Haas protestierte und schloss sich aus Protest dem rheinländischen Bezirk an.

Auch in Schweinfurt hatte Köhler Probleme - z. B. wegen des Friedhofes, der in Schweinfurt ein Teil des allgemeinen Friedhofes war und - gemäß dessen Regeln - keinen auf ewig ausgelegten Schutz der Gräber sicherte. Es wurde Geld gesammelt und ein Grundstück für einen neuen Friedhof gekauft, doch die Stadt genehmigte diesen dann doch nicht.

1938 - 1987

Max Köhler war bis 1939 in Schweinfurt. Bei der Pogromnacht gingen die Nazis sehr organisiert vor, doch die Synagoge wurde nciht angezüdet, sondern nur im Inneren verwüstet, da sich Köhlers Frau der SA entgegenstellte. Auch Köhlers Wohnung wurde zerschlagen - nur die Kindersachen wuren verschont. Kurz darauf wurde Max Köhler verhaftet. Er kam für eine Woche ins Gefängnis und dann für 3 Wochen ins KZ Dachau. Am 10.12.1938 durfte er aufgrund eines Permits des Chief Rabbi´s Council in England verlassen. Er hatte ein Visum für sich und seine Kinder, weigerte sich aber, Deutschland ohne seine Frau zu verlassen, es gelang ihm bei britischen Konsulat, auch für sie ein Visum zu erhalten.

Köhler wurde vor seiner Abreise von der Gestapo vernommen, die ihm riet, nicht nur selbst auszuwandern, sondern die anderen Juden mitzunehmen. Dabei wollte man ihm helfen. Er schaffte es damit, die Schweinfurter Juden aus dem KZ Dachau zu befreien, doch konnte er nicht alle aus Deutschland herausbringen. Nur einigen konnte er bei der Ausreise helfen. Die Synagoge in Schweinfurt durfte damals nicht mehr betreten werden, doch Köhler konnte Gebetszeiten im Gemeindehaus organisieren. Die Außengemeinden konnte er jedoch nicht mehr besuchen. Die Gemeinde wurde immer kleiner, da immer mehr Juden auswanderten, oder aber zur Vorbereitung der Auswanderung in die großen Städte ging. Auch Köhler verkaufte sein Mobiliar um einerseits leben zu können (Gehalt erhielt er nicht mehr) und andererseits seine Emigration bezahlen zu können, doch er wollte bleiben, so lange es ging. Auch die Gebäude und Gegenstände der jüdischen Gemeinde musste er bald an die Stadt verkaufen. Im Februar 1939 verließ schließlich auch Max Köhler mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Deutschland. Sie flogen nach England, wohin sie kaum etwas mitnehmen durften (sehr wenig Geld und keine Wertgegenstände).

Nach 1945 kam Max Köhler einige Male zurück nach Schweinfurt, wo keine jüdische Gemeinde mehr existerte. Er bekam 20.000 DM für das Vermögen seiner Familie, das komplett beschlagnahmt worden war. Überlebende Gemeindemitglieder fand er nur in den Außengemeinden.

Max Köhler starb am 30.11.1987 in Jerusalem.

Quellen

  • Arbeitsgemeinschaft "Jüdisches Leben in Borken und Gemen" (Hrsg.): Leben und Schicksal der Juden in Borken, Eine Dokumentation aus Anlaß der Ausstellung im Stadtmuseum Borken vom 9. bis zum 27. November 1989. Borken 1989.
  • Heimatverein Borken (Hrsg.): Borken. Zerstörung und Wiederaufbau.2. Borken 2002.
  • Köhler, Max:: Rabbiner Dr. Max Köhler. Lebenserinnerungen: Als Rabbiner in Borken und Schweinfurt. (Transkription auf der Grundlage eines Tonbandes, erhalten vom Stadtarchiv Schweinfurt)
  • Oenning, Mechtild: Ausgewählte private Korrespondenzen

Bearbeitet von Jill Olschewski, Jaqueline Runau, Ruth Bittner, Christin Bussmann, Jana Looks