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Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus - Ein Schülerprojekt

Zur Lage Borkens und Einführung in seine jüdische Geschichte
 

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Familie Royt

Die Familie von Paltyl Royt stammte ursprünglich aus Osteuropa. Paltyl und seine Frau Johanna, eine geborene Eisenberg, zogen am 11. Februar 1930 nach Borken, wo sie am Nonnenplatz 3 wohnten. Das Haus muss nahe der dortigen Synagoge gelegen haben, wo Paltyl später Synagogendiener wurde. In der jüdischen Schule betätigte sich Paltyl ebenfalls als Hausmeister.

Anscheinend sozial sehr engagiert, soll Paltyl Royt dennoch nicht sehr beliebt gewesen sein:
Sein Äußeres soll recht seltsam (sein Bart- und Haupthaar waren unterschiedlich rot und blond) gewesen sein und galt auch als das ärmste Mitglied der Gemeinde.
Als einziger scheint er sich nicht vollständig den Borkenern angepasst zu haben. Ob er es nicht schaffte oder es nicht wollte, ist nicht bekannt.

Er wurde stets schief angesehen und belächelt. Man ging ihm aus dem Weg.
Als Paltyl Synagogendiener wurde, weigerten sich viele Frauen weiterhin in die Synagoge zu gehen.
Doch unter Juden gibt es einen Ehrenkodex und so wurde Paltyl dennoch voll unterstützt.

Paltyl war Schächter in Borken, ein angesehener Beruf, bei dem man Tiere so schlachten muss, dass sie für die Juden koscher, also essbar sind.
Am 1. Juni 1937 noch meldete Paltyl einen Vertrieb von Butter und einen Handel mit Geflügel an. Dies zeigt seinen Durchhaltewillen, denn im Jahre 1937 war es schon beinahe sinnlos für einen Juden einen neuen Betrieb o.ä. zu eröffnen.

Die Reichskristallnacht ging auch an der Kleinstadt Borken nicht spurlos vorüber:
Viele Häuser wurden geplündert und angezündet, die Synagogen gingen in Flammen auf.
Auch das Haus am Nonnenplatz 3 wurde schwer verwüstet.
Augenzeugen berichteten später, die Fensterscheiben seien alle eingeschlagen worden. Inmitten ihrer verwüsteten Wohnung, inmitten ihres zerstörten Lebens stand Johanna Eisenberg mit mehreren kleinen Kindern auf dem Arm und um sich herum (vielleicht Rachel, Lea und Frieda?).
Sowohl die Kinder als auch ihre Mutter waren schwer geschockt. Johanna konnte nur noch verstört aus den zertrümmerten Fenstern starren.
Was sollte man nun tun??

Die Familie Royt an sich stach eher durch ihren Kinderreichtum hervor:
Paltyl hatte fünf bis sechs Kinder, das Letzte wurde am 2. Oktober 1939 geboren: Mardochai Isaak. Die genaue Kinderzahl ist aber nicht bekannt.
Der Junge war kaum im Leben, als er schon zusammen mit einigen seiner Geschwistern deportiert und ins KZ Treblinka verschleppt wurde.
Der junge Mardochai ist gerade neun Monate alt geworden. Er war der Jüngste Borkener, der deportiert wurde...

Benno, Rachel und Mardochai wurden allesamt in Treblinka ermordet. Benno war etwa 13 Jahre alt (er wurde 1930 geboren), Rachel etwa 6 Jahre alt (1937 geboren) und Mardochai dürfte nicht viel älter als drei oder vier geworden sein.
Seine Mutter, Johanna Eisenberg, kam vermutlich auch in Treblinka ums Leben.

Von anderen Kindern Paltyl Royts fehlt heutzutage jede Spur:
Hilda (* 1932), Frieda (* 1934) und Lea (* 1935) sind, unseren Informationen nach, nicht zusammen mit ihren drei anderen Geschwistern ermordet worden.
Ein Teil der Familie zog kurz nach der Reichsprogromnacht nach Berlin. Ob sie dort oder auf dem Weg dorthin deportiert wurden, oder ob sie gar den Krieg überlebten, ist unklar. Doch das die restlichen Royts das Ende des Krieges überhaupt erlebten ist leider sehr unwahrscheinlich. Genauso unklar ist das Schicksal von Paltyl selbst.
Den tatsächlichen Verbleib wird man heute auch leider nicht mehr erfahren. Es fehlt jede Spur und die Lücke der Familie Royt wird wohl für immer in der Geschichte Borkens klaffen...


Quellen:

  • Oenning, Mechthild, Borken und die katholische Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus, in: 0"Aus der Geschichte der Stadt", Heft 3, Borken 1988, Seite 79
  • Akte von Herrn Pöpping aus dem Stadtarchiv, Abschrift einer Gesprächsnotiz von Frau Görder (von 1988)
  • aus einer Übersicht der Gewerbe von Juden, Akte von Herrn Pöpping aus dem Stadtarchiv
  • Angaben aus den Melderegistern der Stadt Borken aus dem Jahren 1930 - 1942, in: Akte von Herrn Pöpping

 

bearbeitet von: Christian Fischer, Samuel Heisterkamp, Dominik Brinkman