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Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus - Ein Schülerprojekt

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Familie van Cleeff

Simon van Cleeff - Kinder der Familie "Simon van Cleeff" - Weitere bildliche Dokumente über die Familie Cleeff - Quellen


Frühere und heutige Ansicht des Hauses in der Heilig-Geist-Straße (ersteres im Besitz von Mechtild Schöneberg, zweiteres selbst gemacht)

 

Simon van Cleeff

Simon van Cleeff wurde am 03. Juli 1874 als Sohn von Simon van Cleeff sen. und Bertha van Cleeff (geborene Müller) in Haselünne geboren.
Während seines Lebens zog er nach Borken in die Brinkstraße 417 und später in die Heilig-Geist-Straße 22. Aus unbekannten Gründen variieren die Hausnummern zwischen 22 und 86. Allerdings handelt es sich nach unserer Vermutung um dasselbe Haus.

Am 29. Juli meldete er seinen Fleischerbetrieb in der damaligen Heilig-Geist-Straße 86 (22) an. Im selben Jahr bezahlte er eine Einkommensteuer von 2,40 Mark. Im Vergleich zu Einkommensteuern anderer war dieser Betrag ziemlich gering. Der Grund dafür könnte sein, dass er als Jude nur koscheres Fleisch verkaufen durfte und deshalb wenige Nichtjuden bei ihm kauften. Ob das Geschäft nun aber gut war oder nicht, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Einkommenssteuer belegt zwar, dass das Geschäft scheinbar ein nicht so hohes Einkommen hatte, aber anderseits geht aus anderen Quellen hervor, dass das Geschäft sehr beliebt war.

An seinem Geschäft hat er folgende Umbaumaßnahme vorgenommen:
- Änderung der Außenfassade, zum Beispiel die Anbringung des Geschäftsnamens an die Frontseite der Fleischerei
18. Januar 1933 gab Simon sein Geschäft auf. Gerüchten zufolge lag dies an seinem Nachbarn, dem Friseur Dahlhaus, der ein leidenschaftlicher Nazi war. Er soll Simon bedroht haben, so dass Simon aus Angst sein Geschäft nicht weiter betrieb, obwohl es eigentlich gut lief, da es bei den anderen Juden beliebt war.

Foto: Simon van Cleef (im Besitz von Mechtild Schöneberg)

Er heiratete im Alter von 29 Jahren am 11. September 1905 Regina Rosenbaum, eine am 17.07.1875 in Raesfeld geborene Schneiderin. Trauzeugen waren die befreundeten Juden Karl Jonas und Salomon Hirsch. Er zeugte mit Regina acht Kinder, nämlich Siegfried (29.06.06), Hanna (13.11.07), Betty (18.02.11), Josef (18.02.11), Else (22.07.12), Walter (22.07.12), Martha (15.12.14) und Dagobert (19.07.16).
Im Stammbaum der Familie werden die Zwillinge Else und Walter allerdings nicht erwähnt, da sie beide nicht einmal ein Jahr alt geworden sind.

Von einem Zeitzeugen, Fritz Naßmacher (Besitzer der Fleischerei Naßmacher in Borken), haben wir erfahren, dass Simon van Cleeff besonders durch seinen übergroßen Kropf auffiel und dass an diesem aus medizinisch-wissenschaftlichen Gründen besonders sein Arzt Dr. Mensing (Borken) interessiert war. Außerdem hatte Simon laut Herrn Naßmacher blonde Haare.

Am 09. November 1938, dem Novemberpogrom, verbrachte Simon van Cleeff im Alter von 64 Jahren mit seiner Frau und insgesamt 30 anderen Juden mehrere Stunden in einem Gefängnis. (Simon van Cleeff: 3.00 - 14.00 Uhr ; Regina van Cleeff: 3.00 - 7.00 Uhr) Hinterher wurde von Besuchern einer Frühmesse beobachtet, wie er mit Frohnleichnamsstangen verprügelt wurde. (Quelle: Stadtarchiv Borken, Akte Juden von Herr Pöpping)

Fritz Naßmacher erzählte uns, dass die Familie van Cleeff eine sehr ehrliche Familie war und dass die Juden in der Nachbarschaft alle ein sehr gutes Verhältnis zu einander hatten. Dass sieht man zum Beispiel daran, dass sie gegenseitig bei einander einkauften und sich auch in schweren Zeiten unterstützten. Im Jahre 1942, als es des Juden längst verboten war noch auf die Straße zu gehen, kaufte Frau van Cleef jeden Samstag nach 22.00 Uhr bei der jüdischen Familie Schwenken für die ganze Woche ein. Immer zu dem gleichen Zeitpunkt schlich sie sich an die hintere Hoftür in der Kleinen Turmstraße und manchmal bekam sie von der gutmütigen Geschäftsfrau Schwenken sogar noch ein Stück der damals sehr begehrten Landbutter geschenkt. (aus einem Brief von Theo Schwenken) Auch zu den meisten nichtjüdischen Nachbarn hatten die "van Cleefs" eine sehr freundschaftliche Beziehung. Verräter gab es nur sehr wenige.

Simon van Cleeff starb am 26. Oktober 1939 um 19.15 Uhr im St. Marien Hospital in Borken. Nach Simons Tod zog Regina nach Assen / Niederlande und ist dort am 21.02.55 mit 79 Jahren gestorben.

Kinder der Familie "Simon van Cleeff"

Die acht "van Cleeff - Geschwister" wuchsen teilweise in der Brinkstraße 417 und in der Heilig-Geist-Straße 86 (22) auf.
Der älteste Sohn der Familie war Siegfried (29.06.06). Er machte seine Fleischerlehre bei dem Vater unseres Zeitzeugen Fritz Naßmacher. Allerdings durfte er seine Meisterprüfung nicht ablegen, weil es zu dieser Zeit schon für Juden verboten war. Siegfried zog am 10.07.30 nach Leipzig und am 02.05.38 nach Winterswijk. Er heiratete Anne Ebbinghausen und hatte einen Sohn mit ihr, Hans.
Siegfried starb in einem KZ. In welchem ist nicht bekannt, da die Juden nachher oft direkt in die Gaskammer gekommen sind, ohne dass sie vorher in die Listen eingetragen wurden.

Foto: Siegfried van Cleef (aus dem Buch "Leben und Schicksal der Juden in Borken")

 

Über seine Schwestern Hanna (13.11.07) und Betty (18.02.11) gibt es nicht viele Informationen. Hanna heiratete Simon Hermann und zeugte mit ihm einen Sohn. Wie Siegfried kam sie im KZ um. Betty heiratete Gerd Lammerts und lebte mit ihm und ihrer Tochter in Haren bei Groningen / Niederlande. Wann und wie sie gestorben ist, ist nicht bekannt.

Bettys Zwillingsbruder Josef (18.02.11) übernahm den Beruf seines Vaters. Am 26.02.30 zog er nach Düsseldorf, am 08.06.31 nach Winterswijk. In Winterswijk wechselte er häufig seine Wohnung. Ab dem 19.10.37 begab er sich auf Wanderschaft. Nach seiner Deportation nach Cosel (Polen) ist er verschollen.

Die Zwillinge Else und Walter hatten nur ein sehr kurzes Leben. Else starb im Alter von 10 Monaten am 24.05.13 und Walter im Alter von 4 Monaten am 09.12.12.

Martha (15.12.14) war in ihrer Jugend ein Mitglied des Turnvereins. Sie heiratete in ihrer ersten Ehe Herr van Dam und bekam mit ihm ihren Sohn Lee. Danach heiratete sie van Dams Cousin und hatte mit ihm eine Tochter. Sie lebt noch heute in Assen in einem Altersheim.

Dagobert (19.07.16), das jüngste Mitglied der Familie, heiratete Melitta von Löwenthal, eine gebürtige Österreicherin und bekam mit ihr einen Sohn. Er wohnte mit seiner Familie eine Zeit lang an der Bocholter Straße. Gerüchten zufolge war er ein überaus gut aussehender Mann und konvertierte später zum Christentum. Auch er lebt heute noch. Sein Wohnsitz ist in Kanada.

Foto: Regina mit einem ihrer Enkel (nach 1945) (im Besitz von Mechtild Schöneberg)

 

Weitere bildliche Dokumente über die Familie Cleeff (zur größeren Anzeige bitte anklicken!):

Der Grundriss der Heilig-Geist-Straße 86 (22) (im Besitz von Mechtild Schöneberg)

Der Stammbaum der Familie van Cleeff (im Besitz von Mechtild Schöneberg)

 

Quellen:

  • Buch: Leben und Schicksal der Juden in Borken, Borken 1989, Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft "Jüdisches Leben in Borken und Gemen"
  • Gegebenes Unterrichtsmaterial vom Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Borken und Gemen" (teilweise aus dem Stadtarchiv Borken)
  • Zeitzeuge Fritz Naßmacher (Besitzer der Fleischerei Naßmacher in Borken)
  • Lee van Dam (Enkel von Simon van Cleeff) (via E-Mail)
  • Mechtild Schöneberg, Geschichtsforscherin

Bearbeitet von: Laura Artmann, Karin Sonnenschein, Anneke Söpper, Verena Wüst