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Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus - Ein Schülerprojekt

Zur Lage Borkens und Einführung in seine jüdische Geschichte
 

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- I: Erste Ansiedlung bis zum Beginn der Eingliederung - Von 1552 bis 1850 -

Jüdisches Leben im Gebiet des heutigen Kreises Borken kann seit dem 14. Jahrhundert nachgewiesen werden. Die Juden, vorwiegend Händler und Kaufleute, hatten, aus dem Rheintal kommend, ihren Weg in das Oberstift Münster gefunden.[1]

In den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts siedelten auch in Borken Juden. Ein Schutzbrief des Osnabrücker Bischofs Gottfried von Arnsberg vom 15. Juni 1327 nennt neben anderen auch einen Borkener Juden: „Moyses filius Godescalci de Borcken et eius uxor et sui pueri…“ (Moses, Sohn des Gottschlak aus Borken und dessen Ehefrau und sein Sohn).[2]

Doch zwei Jahrhunderte später findet diese erste Ansiedlung von Juden im Westmünsterland ein abruptes Ende. Im Gefolge der Pestwelle, die seit den vierziger Jahren ganz Europa heimsuchte, kam es überall zu Übergriffen und Pogromen.[3] Diesen Ausschreitungen, die für die europäischen Juden vor dem nationalsozialistischen Holocaust die größte Katastrophe darstellten und die im Sommer 1350 das Fürstbistum Münster erreichten, werden auch die hiesigen jüdischen Gemeinden zum Opfer gefallen sein.

Erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts konnten sich wieder Juden in der Region dauerhaft niederlassen.[4] Sie erreichten aber nicht mehr die wirtschaftliche Bedeutung ihrer Vorfahren vor 1350 und vor allem konnten sie nicht wieder privaten Grundbesitz oder Bürgerrechte erwerben.

In den Mauern der Stadt Borken lebten vermutlich ab 1530 wieder Juden. Ein Gerichtsprotokoll von 1552 nennt einen Moises von Bacharach. Wegen „etliche Laster und smehe Woirde up Gott und sinen innigen Son Christum“ stand er vor Gericht.[5] Zwei Jahre zuvor, am 1. Mai 1550 hatte er einen vom Bischof zu Münster ausgestellten Geleitbrief erhalten. Aufgrund verschiedener Quellenbelege kann vermutet werden, dass Moises möglicherweise mehr als dreißig Jahre in Borken lebte. Er wäre dann der erste wieder im Münsterland lebende Jude der Neuzeit gewesen.[6]

Der in Gemen lebende Jude Arnd gab 1567 an, nach zwanzigjährigem Aufenthalt in Borken von der Stadt ausgewiesen worden zu sein. Doch fand er in der Herrschaft Gemen, wegen der dort lebenden großen Zahl von Juden, keine ausreichende Existenzgrundlage. In einem Brief vom 5. August 1557 bittet er den Fürstbischof Johann von Münster, sich wieder im Stift Münster ansiedeln zu dürfen. Sein Gesuch wurde jedoch abgelehnt.[7]

Im Februar 1560 hatten die Landstände des Fürstbistums Münster den Beschluss gefasst, alle Juden innerhalb von sechs Wochen auszuweisen. Der Rat der Stadt Borken hielt sich aber offensichtlich recht lange und im Gegensatz zu anderen Städten des Stifts an die offizielle Judenpolitik. Nach 1558 können für über fünfzig Jahre keine Juden mehr in Borken nachgewiesen werden.[8]

Die Herrschaft Gemen bot aber weiterhin den Juden die Möglichkeit zur Ansiedelung. Die Grafen von Holstein-Schaumburg, ohnehin mit Münster wegen landespolitischer Fragen im Streit liegend, hatten seit 1570 eine Reihe von Geleitbriefen ausgestellt. Die besondere Situation der Juden in Gemen muss vor dem Hintergrund der ständigen Auseinandersetzungen der Grafen von Schaumburg mit dem Stift Münster gesehen werden. Die Herrschaft Gemen unterstand nicht der Gerichtsbarkeit der münsterischen Fürstbischöfe. Diese politisch-rechtliche Sonderstellung ermöglichte es, dass in diesem recht kleinen Gebiet nahezu einhundert Jahre lang kontinuierlich Juden lebten.[9]

Genauere Bestimmungen über die Zulassung von Juden und deren rechtliche Absicherung enthielt eine vom Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen 1662 erlassene Judenordnung. Aber auch sie gewährte die Rechte nur nach Ausstellung eines Schutzbriefes. Dieses Edikt blieb bis zum Ende des Fürstbistums Münster 1803 in Kraft.

Im Jahr 1683 lebten in Borken drei jüdische Familien mit Schutzbriefen. Insgesamt siedelten im Gebiet des heutigen Kreises Borken 50 Familien. 1795 war ihre Zahl auf 51 Personen (kreisweit), die über einen Schutzbrief verfügten, gesunken.[10]

Neben Geleitbriefen für Einzelpersonen wurden nach dem Verlauf vieler Jahre auch Hauptgeleite wie dieser den Fürstbischofs Clemens August vom 12. Januar 1720 ausgestellt. In dem vorliegenden wird einem auf 60 Personen begrenzten Kreis der Aufenthalt in bestimmten Orten gewährt.

Die rechtliche und wirtschaftliche Situation der im Westmünsterland lebenden Juden blieb bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts eher dürftig. Ohne Bürgerrechte, nur mit zeitlich befristeten Schutzbriefen ausgestattet, blieben sie von allen „ehrlichen“ Berufen und Handwerken ausgeschlossen. Als kleine Geldverleiher, Pfandleiher, Trödler und Hausierer, als Metzger und Viehhändler lebten sie daher meist in einfachen Verhältnissen.

Das 19. Jahrhundert brachte endlich eine Verbesserung der allgemeinen Verhältnisse. Obwohl noch auf manchen Gebieten von der Gleichberechtigung ausgeschlossen, konnten sie jetzt Grundeigentum erwerben. 1816, ein Jahr nach der Angliederung Westfalens an Preußen, gab es in Borken dreizehn jüdische Haushalte. In drei Fällen waren die Familien Eigentümer des Hauses.[11]

Auf Grund der sich verbessernden wirtschaftlichen wie rechtlichen Verhältnisse änderte sich die Situation zum Ende des Jahrhunderts. Vermehrt erwarben nun auch die Juden Eigentum.

Auch den jüdischen Bürgern der Stadt Borken gelang in diesen Jahren die Integration in die bürgerliche Gesellschaft.


[1] Diese Darstellung folgt im Wesentlichen den Ausführungen von D. Aschoff, Zur Geschichte der Juden im heutigen Kreis Borken bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, in: Studien zur Geschichte der Juden im Kreis Borken, Vreden 1984, S. 16-32, und D. Böhringer, Zur Geschichte der Juden im Kreis Borken vor 1933, In: „Es ist nicht leicht, darüber zu sprechen“, Der Novemberpogrom im Kreis Borken, Hrsg. A. Bierhaus, Borken 1988, S. 7-26

Aschoff beschreibt u.a. detailliert die Sonderstellung Gemens und stellt das Schicksal des Isaak von Gemen (gest. 1605) vor.

[2] Westfalica Judaica. Urkunden und Regesten zur Geschichte der Juden in Westfalen und Lippt. 1. Bd.: 1005-1350. Von B. Brilling und H. Richtering, Stuttgart 1967, S. 91

[3] D. Aschoff, Das Pestjahr und die Juden in Wetsfalen, In: Westfälische Zeitschrift, Bd. 129, 1980, S. 64. Ders., Zur Geschichte der Juden S. 19

[4] ebda., S. 67

[5] Gerichtsprotokoll, Stadtarchiv Borken, Bestand: Stadt Borken

[6] D. Aschoff, Zur Geschichte der Juden, S. 19

[7] ebda. S. 21 u. S. 46

[8] ebda. S. 21

[9] ebda. S. 25f

[10] D. Böhringer, Zur Geschichte der Juden im Kreis Borken vor 1933, S. 8

[11] Nachweis der jüdischen Familien in der Stadt Borken und der Bürgermeisterei 1816, Stadtarchiv Borken, Bestand: Stadt Borken, B 303

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